Zelle aus dem Jahre 1963
Klotz am Bein
Ein kleines heimliches Museum
In Baedekers Celle-Stadtführer findet sich ein Hinweis auf einen "schlossartigen" Gebäudekomplex, der die Blicke auf sich zieht, und hinter dessen Mauern sich das frühere Zuchthaus verbirgt, heute Justizvollzugsanstalt Celle, in der vor allem zu langjährigen Freiheitsstrafen Verurteilte untergebracht sind.
Oberbaumeister Joh.C. Borchmann erbaute es 1711 bis 34 nach dem Vorbild französischer Schlösser als "Werck- und Zuchthaus", in dem zunächst auch Irre Aufnahme fanden. Den "Ehrenhof" umschließen das Torgebäude mit kupfergedecktem Uhrturm und anschließenden Mauern, zwei niedrige Seitenflügel und ein höherer Haupttrakt mit Mittelrisalit, dessen Giebelfeld mit dem kurhannoverschen Wappen ausgefüllt ist. In einem kleinen Museum wird die geschichtliche Entwicklung des Strafvollzuges dargestellt.
Historisch interessant die Zuchthausordnung von 1732 (seinerzeit veröffentlicht im "Wöchentlichen Hannoverschen Intelligenz-Zettel", dem Urahn aller hannoverschen Zeitungen), die Folterinstrumente (u.a. der noch bis 1913 benutzte Prügelbock) oder die dem bis 1847 tätigen Scharfrichter Christian Fröhlich erteilten Dienstanweisungen (z.B. "Der Kopf muß durch eine unter das Kinn gelegte Schlinge hinaufgezogen werden!"). Modelle der Anstalt, alte Pläne und Zeichnungen informieren über die Baugeschichte. Man findet interessante Literatur: z.B. zur Geschichte der Anstalt von Emmermann (Dissertation 1921), Mönkemüller (Oberarzt aus Hildesheim, 1901), Knaps (Oberlehrer, 1937), Huge (Oberlehrer bis 1969), ferner Bücher von und über ehemalige Insassen (z.B. Burkhard Driest, Michael Holzner), abgesehen von den Literaturdenkmalen eines Hermann Löns ("In Celle steht ein festes Haus, mit unsrer Liebe ist es aus") oder Heinrich Heine ("Zu Celle im Zuchthaus sah ich nur Hannoveraner - o Deutsche!").
Erwähnenswert ist auch eine Sammlung von Gefangenenzeitschriften aus verschiedenen Strafanstalten. Ereignisse mit Schlagzeilen in der Presse kann man nachlesen: vom Massenmörder Pleil, der sich 1958 in seiner Zelle erhängt hat, vom Mord an dem Beamten Wilhelm Frommholz 1971, vom Ausbruch eines Gefangenen nach Sprengen eines Tores 1975, vom Geiseldrama 1984, vom berühmt gewordenen "Celler Loch" usw..
Prügelbock (bis 1913 in Celle benutzt)
Schussapparate aus der Geiselnahme 1984
Ausbruchwerkzeuge, Tätowiergeräte, Schnapsbrennanlagen, Attrappen von Waffen, Verstecke (die Uhr im Gesangbuch, der Kanarienvogel in der Tasche mit doppeltem Boden) sind Beweise für Erfindungsreichtum. Anstaltskleidung der Gefangenen (früher und heute) sieht man neben Uniformen und Säbeln der Beamten, dazu viele Fotos. An den alten Anstaltsfriedhof erinnern Holzkreuz und Grabstein, an die NS-Zeit u.a. Fotos der "Kriminalbiologischen Forschungsstelle", Bericht des damaligen Anstaltsarztes über die Unterernährung von Gefangenen im Kriege (vgl. Hartung "Durch Licht und Finsternis, ein Arzt erzählt sein Leben"), Akten über die Vollstreckung von Terrorurteilen (z.B.3 Jahre Zuchthaus wegen Abhörens ausländischer Rundfunksender, Todesstrafe wegen Schwarzschlachtens), Überführung von Gefangenen in KZ-Lager.1948 war die Anstalt mit 750 Gefangenen belegt (gegenüber heute 240, zusätzlich 650 Gefangene in zahlreichen Außenarbeitslagern, inzwischen aufgelöst, mit Ausnahme des Lagers Salinenmoor, das zu der 1978 gebauten Justizvollzugsanstalt Salinenmoor gehört.
An das 1984 abgerissene Gerichtsgefängnis erinnern ein Modell und eine Fotodokumentation, auch das Harmonium aus dem Kirchenraum. Das hölzerne Wachhäuschen steht jetzt nicht mehr auf dem Anstaltshof. Das Spinnen und Tütenkleben findet in den modernen Arbeitshallen nicht mehr statt. Auch das Leibstuhlgefäß gehört der Vergangenheit an.
Schlüssel-Nachbauten
Folterwiege
Die Zweihundert-Jahr-Feier (1912)
Neben den vielen Zeitungsberichten (z.B. in der Celleschen Zeitung vom 18.8.1883 von der "völligen Schuldlosigkeit des Zuchthausdirectors als Opfer einer höchstfein und schlau getadelten Intrige der geflüchteten Sträflinge Schön und Pirau") sei schließlich noch die Berliner lllustrierte vom 31. März 1912 erwähnt. Sie berichtet in Wort und Bild von der Zweihundert-Jahrfeier des Zuchthauses in Celle:
"Vor wenigen Tagen beging die Strafanstalt in Celle, die im Jahre 1712 gegründet wurde, die Zweihundertjahrfeier ihres Bestehens. Zu den Feierlichkeiten, die aus diesem Anlass veranstaltet wurden, traf der Minister des Innern Dallwitz in Celle ein und eine große Zahl von ehemaligen Strafgefangenen, die von der Gefängnisverwaltung zu der Teilnahme an den Festlichkeiten eingeladen waren. Bei der offiziellen Begrüßung auf dem Festplatz hielt der Minister eine Ansprache: "Sie alle, meine Herren, werden der schönen Tage, die sie hier verlebt haben, stets eingedenk bleiben und nach dem alten durch den hochseligen König Georg IV. von Hannover und England geprägten Wahlspruch der Stadt, in den Ruf einstimmen: "Celle for ever! Hurra, hurra, hurra!" Es schloss sich ein Rundgang der Besucher durch die von den Sträflingen mit Girlanden und Emblemen geschmückten Räume der Strafanstalt an. Zwischen alten Gefängnisaufsehern und ehemaligen Insassen spielten sich herzliche Wiedersehensszenen ab. Das Fest gipfelt in einem großen Bankett, an dem mehr als dreihundert Gäste teilnahmen. Viel Heiterkeit erregte der originelle Einfall eines Häftlings, der einen witzigen Toast auf den Tisch klopfte, in der bekannten Klopfsprache, mit der sich die Zellennachbarn zu unterhalten pflegten. Spät nachts verabschiedeten sich unter Zurufen "auf baldiges Wiedersehen!" die Gäste."
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